Öffentliche
Vorträge für das FORUM RÖDERMARK
|
|
|
Freitag,
16.09.11 Freitag, 25.11.11 Freitag, 09.12.11 |
Vom Ursprung der
Geschichte Die griechisch-antike Unterwelt Das Verhängnis und seine historische Entwicklung Veranstaltungsort: Kulturhalle
RÖDERMARK; Graf-Reinhard-Saal;
Seiteneingang OST; 1. Stock Beginn:
20:00
Uhr Kosten: 6,00 Euro (Erw.); 3,00 Euro
(Schüler / Studenten) |
|
Vom
Ursprung der Geschichte Einleitung: Als „Geschichte“ bezeichnen wir die Erzählung vom Handeln und Verhalten des Menschen in der Welt und in der zeitlichen Abfolge von Ereignissen. In der Geschichte erzählen wir: wie diese ‚Tatsachen’ sich begründen; wie sie miteinander verwoben sind und was sie bewirkten. Die Geschichte, die wir erzählen, konfrontiert uns mit der ‚Tatsache’, dass und auf welche Weise der Mensch konkret verantwortlich ist für das, was sich in der Welt ereignet: im Allgemeinen ebenso sehr wie für jeden einzelnen im Besonderen. Diese Vortragsreihe widmet sich der Frage nach dem Ursprunge von „Geschichte“, und also nach dem Ursprunge eines Denkens, das sich nicht damit zufrieden gibt, dass sich etwas in der Welt ereignet, sondern erkennen will, warum es sich so und nicht anders ereignete und warum der Mensch sich in seiner Gegenwart so und nicht anders verhält bzw. handelt. Die Frage nach dem Ursprunge von „Geschichte“ erweist sich so zugleich als die fundamentale Frage danach, ob und auf welche Weise der Mensch für das, was sich in der Welt des Menschen ereignet, verantwortlich ist. Die Vortragsreihe zeichnet die Genesis der Geschichte nach vom Mythos bei Homer, Hesiod und Hades, dem antiken Gott der sogenannten „Unterwelt“, über die griechisch-antike Tragödie bis hin zur Konzeption einer Wissenschaft von der Geschichte, die wir gemeinhin „Historik“ nennen, bei Hesiod und Thukydides. 16. September 2011 Es hieße Eulen nach Athen tragen, wollte man ILIAS und ODYSSEE bekannt machen. Etwas ganz Anderes ist es, die beiden ältesten literarischen Werke der abendländischen Kultur unter dem Aspekt von Geschichte und Verantwortung zu bedenken. Die ILIAS ist die erste – und bis heute auch die radikalste – Auseinandersetzung mit dem Kriege in der abendländischen Geistesgeschichte; mit dem Kriege, den wir noch immer im politischen Kalkül als „die ultima ratio“ des staatlichen Handelns anerkennen. Die ODYSSEE, die ebenso erste – und nicht weniger radikale – Auseinandersetzung mit dem besonderen Pendant des Krieges: mit dem Pragmatismus, der konsequent ein vorgegebenes Ziel verfolgt und dafür alles Andere instrumentalisiert; im Alltage bezeichnen wir dieses Handeln und Verhalten anerkennend als „Cleverness“ und verehren diese Betrachtungsweise von Mittel und Zweck in seiner subtileren Gestalt sogar als „Weisheit“. In beiden Büchern erzählt Homer in epischer Breite, dass und aus welchem Grunde die Menschen immer nur sich selbst das Leben herstellen, das sie konkret erfahren; insbesondere natürlich die Verhängnisse, die sie leidvoll erfahren: nicht die Umstände, nicht das Schicksal und schon gar nicht die Götter verursachen „die Geschichte“, sondern die Menschen selbst sind für die Welt, in der sie leben, ‚ursächlich’ verantwortlich. Von der inneren Logik der Ereignisse, die wir „Geschichte“ nennen, erzählt auf seine Weise schon Homer in der ILIAS und in der ODYSSEE; – aber eben noch in mythischen Gestalten, deren Bedeutung wir uns zum Bewusstsein bringen müssen. 30. September 2011 Homer ist der große Erzähler; Hesiod hingegen der harte Logiker! Während Homer sich in epischer Breite und in langen Versen über einen Sachverhalt subtil differenzierend auslässt, formuliert Hesiod schnörkellos kurz in wenigen Worten pro Vers und im Anspruche einer streng geführten Logik des Begriffes. Jedes Wort fordert das Denken des Lesers oder Hörers in die Leistung, die Fülle der sprachlichen Bedeutung in jedem Momente auszuschreiten. Hesiod trägt vor, was der Titel seines Werkes, ausspricht: die THEOGONIE oder die Genesis der griechischen Götter; deren verwandtschaftlichen Beziehungen untereinander; die so ganz eigenen persönlichen Verhältnisse, die sie zueinander eingehen; und was sich aus diesen Verbindungen innerlogisch stringent entwickelt. Die Worte „werden – entwickeln – hervorbringen“ verweisen an sich auf eine Ursache und auf eine Wirkung. Stehen Ursache und Wirkung in einem schlüssigen Verhältnis zueinander, dann zeigt sich uns ein verständlicher bzw. vernünftiger Fortgang, der uns verlässlich die Herkunft eines Sachgehaltes wie auch dessen Zukunft zu erschließen erlaubt. Diesem logisch strengen Kriterium subsumiert Hesiod die Genesis der griechischen Götter und expliziert auf diese Weise die HISTORIK der griechischen Götter und ihrer Bedeutung. Insofern die griechischen Götter in ihrer Bedeutung die fundamentalen Begriffe des Leben überhaupt und des menschlichen Lebens im Besonderen – in mythisch-sinnlich vernehmbarer Gestalt – zum Bewusstsein bringen, expliziert die HISTORIK der griechischen Götter, wie es Hesiod vorträgt, die HISTORIK DER BEGRIFFE, die seit jeher und in klarer Differenz zu anderen Kulturen fundamental die abendländische Kultur prägen – in der Spannweite von Denken in kritischer Distanz über Freiheit und Individuum bis Verantwortung. HADES oder die griechisch-antike Unterwelt 28. Oktober 2011 Der Gott wie der Ort der Unterwelt tragen – meist – denselben Namen: HADES. Gemeinhin nennen wir den Hades, den Ort der Unterwelt, das Reich der Schatten: die Toten leben hier, abgeschieden von der Welt der Lebenden, als Schatten. Von den Schatten der Verstorbenen erzählt der Mythos, dass sie hier unten im Reich des Todes miteinander ein ganz friedliches Gespräch führen. Alle, meist auch tödlichen Dissonanzen während ihres Daseins in der Welt der Lebenden sind sowohl sittlich wie moralisch und wertemäßig völlig irrelevant geworden. Die einstens lebensbestimmenden Ereignisse mutieren mit dem Tode zu neutralen Daten, zu schlichten Tatsachen des vergangenen Lebens – ohne jeden Wert: mit dem Tode endet alle Relevanz von Sittlichkeit, Moral und Werten; die Sachgehalte der Ereignisse aber, die unter deren Verdikt im Handeln und Verhalten – so ehrenwert wie frevelhaft – in der Welt einstens vollbracht wurden, bleiben – gleichsam objektiv – erhalten und auf ewig bewahrt. Ausnahmegestalten des Mythos wie etwa Odysseus, die gemeine Weltpragmatik, erhalten von den Göttern die Erlaubnis, in die Unterwelt hinab zu steigen, um sich mit besonderen Schatten zu unterhalten. Auf diese Weise begegnet Odysseus einem Achilleus und disputiert mit ihm über die Bedeutung des Handelns und Verhaltens im Leben – und erhält eine verblüffende Antwort von Achilleus, dem hoch verehrten Helden des Trojanischen Krieges; eine Antwort der radikalen kritischen Distanz des Bedenkens – aller Werte, aller Sittlichkeit, aller Moral: nichts hiervon kann vor dieser Instanz, das Wahre zu erkennen, seinen Bestand wahren; alles zerfällt zu Nichtigem. Die Schatten im Hades, dem Reich des Todes, erzählen die Geschichte ihres Lebens – nicht unter dem Verdikt von Sittlichkeit, Moral und deren Werte, sondern in der kritischen Distanz des Bedenkens, dessen Radikalität der Tod in mythischer Klarheit anzeigt: die Schatten der Verstorbenen erzählen das Wahre ihres Lebens; eines erfüllten bzw. ruinierten Sinnes ihres konkret vollbrachten Lebens. Hades, der Gott und der Ort der Schatten, repräsentiert in mythischer Gestalt, die elementare Kondition eines zum Sinne sich erfüllenden Lebens aus eigenem Grunde her sich zu gestalten: die Reflexion über das, was sich im Handeln und Verhalten konkret ereignete, in kritischer Distanz des Bedenkens sich zum Bewusstsein zu bringen, und also sich selbst zur Geschichte zu sublimieren. Die Schatten des Hades repräsentieren in mythischer Gestalt die Geschichte des so konkreten wie individuellen Lebens – im Anspruche von HISTORIK. Nicht nur ironisch, sondern vielmehr sarkastisch formuliert Hegel: „aus der Geschichte der Völker können wir lernen, dass die Völker aus ihrer Geschichte nichts gelernt haben!“ Was für die Völker gilt, können wir getrost und aus der Erfahrung her wohl begründet auch vom einzelnen Menschen sagen. Der Mythos erzählt diese schlichte Erkenntnis der menschlichen Denkresistenz in den ausnehmenden Begegnungen mit den Schatten im Hades. oder Das Verhängnis und seine historische Entwicklung 11. November 2011 Die Dramaturgie der griechischen Tragödie erzählt den stringenten Fortgang aus einer alltäglichen Begebenheit, in der sich die Protagonisten ganz nach dem Selbstverständnisse der gewohnten Sittlichkeit, und also ganz normal, verhalten und handeln. Aus dem Vollzuge der Normalität oder des Selbstverständlichen, und also ohne ein grundlegendes Bedenken der aktuellen Situation und ihrer Konsequenzen, resultiert das – anscheinend – schicksalhafte Verhängnis. In subtil differenzierten Schritten erzählt sich die Geschichte des Verhängnisses: vom bedenkenlosen Vollzuge des Normalen und sittlich Gebotenen über die mannigfachen Dissonanzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit, die anfangs in ganz selbstverständlicher Pragmatik beiseite gesetzt werden, bis hin zum Starrsinn, der sich stolz darin geriert, die zunehmende Offenkundigkeit des Unzulänglichen und Widersprüchlichen zu leugnen. Nicht ein götterverhängtes Schicksal schlägt verhängnisvoll zu und geleitet die Protagonisten in eine dann unlösbare Konfliktsituation, sonder vielmehr verweisen die Götter den Menschen immer und immer wieder auf die Notwendigkeit, das Wahre der problematischen Situation von Grund auf oder radikal zu bedenken und daraufhin erkenntnisbegründet zu handeln. Doch verweigern die Menschen diesen Rat der Götter, so dass nur noch die Katastrophe sich ereignen kann. Die – wider jeden Hinweis der Götter wohl erwogene – Feigheit der Protagonisten, im Anblicke des problematischen Sachgehaltes der Forderung nach Erkenntnis zu genügen und dann erkenntnisbegründet eine verhängnisschwangere Situation zu beantworten und in der Eröffnung einer gesteigerten Zukunft aufzuheben; – diese Feigheit der Protagonisten und nicht ein von den Göttern über die Menschen verhängtes Schicksal oder gar ein von uralt her sich tradierender Fluch resultiert stringent in die Katastrophe. In der griechischen Tragödie verstricken sich die Protagonisten – aus eigenem Grunde her wohl entschieden – selbst in eine verhängnisvolle Situation, die sich dann nur noch in einer Katastrophe auflösen kann. Die großen tragischen Charakteren wie etwa ein Oedipus, eine Antigone, ein Prometheus etc. werden nicht, wie gewöhnlich gesagt wird, „schuldlos schuldig“, sondern, wie es Zeus zu Beginn der Odyssee sagt: „Welche Klagen erheben die Sterblichen wider die Götter! / Nur von uns, wie sie schreien, kommt alles Übel; und dennoch / Schaffen die Toren sich selbst, dem Schicksale entgegen, ihr Elend.“ Die Geschichte vom notwendigen Fortgange eines Widerspruches zur Katastrophe – aus dem Grunde der bedenkenlosen Feigheit vor der Erkenntnis – erzählt die griechische Tragödie. Der Übergang vom Mythos zum Logos Der
Erfinder der HISTORIK: HERODOT 25. November 2011 HERODOT von Harlikarnassos (~ 490 - ~ 425 a.Chr.) engagierte sich in seiner Geburtsstadt politisch und stürzte den Tyrannen Lygdamis. Unzufrieden mit den hieraus resultierenden Zuständen nach dem Tyrannensturze wanderte er nach Unteritalien aus und beteiligte sich an der Gründung der Kolonie Thurioi. Die ihm eigene innere Unruhig triebe ihn zu langjährigen und umfangreichen Reisen nach Ägypten und den Vorderen Orient bis Babylon, um die uralte Feindschaft zwischen Griechen und Persern zu ergründen und deren Ursachen aufzudecken: die nicht zu vermittelnden Dissonanzen der kontradiktorisch entgegengesetzten Kulturen von Orient, Persien, und Okzident, Griechenland; – der „Clash of Civilizations“, wie wir modern sagen, wirkt auf besondere Weise bis in die Gegenwart! Herodot beschreibt in seinem grandiosen Werk „Historien“ die historischen, geographischen und, insbesondere, die kulturellen Daten, die er auf seinen Reisen konkret vor Ort eruiert. Er setzt sich mit den lebendig erfahrenen Eigenarten der Kulturen auseinander. Er registriert im Anspruche von Objektivität die einzelnen Momente und bedenkt diese in kritischer Distanz, so dass jedes Moment immer zugleich das Ganze spiegelt; und also nicht nur den eigenen kulturellen Kontext, sondern ebenso sehr den differenzierenden Bezug zu anderen Kulturen. Aber nicht nur die eruierten Daten reflektiert Herodot in kritischer Distanz, sondern vielmehr auch und besonders sein eigenes Bedenken der empirisch vernommenen Tatsachen, um die verfälschende Subjektivität des Meinens konsequent auszuschließen. Auf diese Weise gelingt es Herodot, die Differenzen der Kulturen, deren Ursachen und die elementaren Gründe für ihre Feindschaft – ganz aus sich selbst heraus sich offenbaren zu lassen. Die „Historien“ des Herodot gelten durch die angezeigte wissenschaftliche Objektivität seines Herangehens an den Sachgehalt denn auch wohlbegründeter Weise als die erste Ausführung einer Universalgeschichte. Herodot bettet das Heranwachsen des Perserreiches zur Großmacht im 6.Jh.a.Chr. und dessen Kriege mit den Griechen im ersten Viertel des 5.Jh.a.Chr. ein in den Gesamtzusammenhang der Kulturen, die politisch diesen geographischen Raum bestimmen. Herodot fragt daher kontextorientiert nach den Ursachen dieser spezifischen Konfrontation zwischen Persien und Griechenland; insbesondere nach der Notwendigkeit, weshalb derartige kulturelle Differenzen in kriegerischen Ereignissen – z.B. die Schlacht bei Marathon – sich austoben müssen. – Ein auch in der Moderne noch immer zuhöchst relevante Fragestellung! Die Gegenwart, die ihre Geschichte nicht kennt und nicht in kritischer Distanz – vorzüglich gegenüber sich selbst – bedenkt, die liefert sich selbst hilflos den herrschenden Gegebenheiten aus: die Gegenwart hängt wie eine Marionette an den Fäden ihrer Geschichte, – so lange sich die Gegenwart weigert, der geforderten Denk- und Erkenntnisleistung zu genügen. Cicero nennt Herodot daher ganz richtig: „Vater der Geschichtsschreibung“. THUKYDIDES 09. Dezember 2011 Thukydides (~ 460 - ~ 400 a.Chr.) setzt mit seinem Werk „Der Peloponnesische Krieg“, an dem er selbst als Athener Stratege aktiv teilnahm, Maßstäbe für die Historik, die bis heute an Gültigkeit nichts verloren haben. Der Anspruch des Herodot auf Objektivität begründet sich in der Persönlichkeit oder die Subjektivität des Herodot; Thukydides steigert den Anspruch des Herodot zur Methode der Objektivität und institutionalisiert das kritisch-distanzierte Denken gegenüber den Fakten ebenso sehr wie gegenüber sich selbst, dem Anspruche von Wahrheit in durchgängiger Überprüfbarkeit des Gesagten zu genügen. Thukydides institutionalisier damit die Geschichtsschreibung als Wissenschaft; die wir gemeinhin „Historik“ nennen. Spezifisch kennzeichnet die Historik im Kriterium des Thukydides, dass nicht nur auf die korrekte zeitliche Abfolge der Ereignisse und deren Beziehungen zueinander geachtet werde, sondern zwischen der aktuellen, kurzfristig-zufälligen und der historisch zurückreichenden Begründung von Verhalten, Handeln und Ereignissen. Erst vermittelst dieser Differenzierung offenbaren sich die wirklichen oder wahren Motive des politischen Handelns und Verhaltens in einer konkreten Situation. Thukydides expliziert seinen Anspruch von geschichtlicher Objektivität, und also Historik, am konkreten Falle des Peloponnesischen Krieges; eines Krieges, den jeder Zeitgenosse des Thukydides noch miterlebte und, in der Regel, auch unmittelbar in ihn involviert war. Heute gilt gemeinhin die Regel, dass wir erst dann uns zur historischen Objektivität disziplinieren können, wenn der relevante Sachgehalt mindestens seit 100 Jahre vergangen ist; Thukydides hingegen vermochte es, ein aktuell sich vollziehendes Ereignis in dem kritisch-distanzierten Bedenken zu beschreiben und zu reflektieren, das sehr wohl dem Anspruche auf historische Objektivität genügt! – Thukydides ist bis heute der einzige Historiker, der Solches vermochte! Eine weitere und bedeutende Institutionalisierung schuf Thukydides mit der Historik; eine Institutionalisierung, die uns sein Denken so unmittelbar wie einfach offenbart: dass jeder Gegenwart ihre Geschichte auf objektiv begründete Weise zum „ewigen Besitze“ werde, damit jede Gegenwart aus ihrer Geschichte lerne; womit Hegel bekanntlich übereinstimmt, aber zugleich und – aus Erfahrung wohl begründet – bestreitet, dass Solches sich je ereignet habe und je sich ereignen werde. |
|